Interview mit Alexey Kovalev

By in Interviews on 22. January 2014

kovalev_alexey

OSTLOOK: Alexey, in deiner Arbeit „Humble Days“ stellst du dir die Frage über die Existenz von unveränderten Orten in der UdSSR. Was hat dich dazu gebracht, sich diese Frage zu stellen?

Alexey Kovalev: Die Verwandlung oder, besser gesagt, die eigentliche Veränderung gewinnt eine absolut neue Dimension, wenn sie viel mehr auf dem geistigen Zustand basiert. Das heutige Russland verändert sich drastisch, die Struktur der Stadt- und Gesellschaftslandschaften in den Großstädten nimmt immer mehr globale, nahezu internationale Züge an. Angesichts dieser Entwicklung ist man noch direkter mit der Definition des folgenden Phänomens konfrontiert: Im Zusammenhang mit der Entwicklung, die in den letzten 10 Jahren in Russland drastisch zugenommen hat, gewinnen solche unveränderten Orte zunehmend eine gewisse Anziehungskraft die in der tatsächlichen Lebenswirklichkeit liegt und eben in einer Zeit innerlichen Zerrissenheit zwischen neun und alten verortet ist. Einerseits findet sozusagen keine mentale Ausdehnung über die Grenzen der schon vergangenen Zeit statt, andererseits sind die Leute sich schon bewusst, dass die Veränderungen unvermeidlich sind und quasi danach streben, diese Atmosphäre zu behalten, da die sehr vertraut und in Bezug auf die vergangene Zeit erleiden ist. Und genau diesen zwiespältigen Zustand in dem sich die Menschen dort befinden, hielt ich so kontrovers und interessant.

OSTLOOK: Wie hast du diese Orte im Realen empfunden? In was für einer Verbindung stehst du dazu?

Alexey Kovalev: Schließlich empfinde ich alle diese Orte anders als die Menschen, die dort leben und die es nicht als ein anachronistisches Phänomen rezipieren. Für mich war es viel wichtiger, mich jenem menschlich-geistigen Inhalt dieser Orte hinzuwenden und somit zu versuchen, den psychologischen Kern dieser Kommunalka-Atmosphäre zu visualisieren, der trotz bzw. aufgrund der abschreckenden Hässlichkeit dieser Kommunalwohnungen eine komplett neue ästhetische Definition gewinnt und somit doch sehr anziehend und voll von Zeitspuren und Symbolen erscheint.

OSTLOOK: Veränderung oder Stillstand hat die Zeit als Quelle. Deine Bilder suggerieren einen Stillstand der Zeit an diesem Ort. Welche Rolle spielt die Zeit in deinen Fotos?

Alexey Kovalev: Wir leben im 21. Jahrhundert und entwickeln uns ständig voran, neu Gefühle und Erfahrungen befinden sich in ständigem Zusammenhang mit dem modernen Leben, somit werden viele Ereignisse aus der Geschichte zu einem Symbol oder, besser gesagt, zu einem Zeichen, das sich verzerrt und unter einem bestimmten Druck zu transformieren vermag. Die neu Welt ist digital – 24 Stunden am Tag Online sein, Tweeter-Revolutionen im Internet usw. So sah ich für mich die Notwendigkeit, die Beziehung zur Vergangenheit abseits dieser steigenden Globalisierung und aufdringlicher Aktualität zu thematisieren, bei der die zeitliche Komponente eher eine strukturelle Komponente zur Verdeutlichung der heutigen Entwicklung spielt. Kommunalka erfasst für mich in erster Linie das mentale Weltbild von damals und wird somit zum plastischen Symbol von heute, welches geistig unverkennbar bleibt und auch heute sehr stark in seiner Relation zwischen Gegenwart und Vergangenheit ist.

OSTLOOK: Wie haben deine Protogonisten ihre Lebenssituation empfunden? Ist die Unberührtheit eine melancholische Sehnsucht nach alten Zeiten?

Alexey Kovalev: Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie ich bei einer Aufnahme gefragt wurde, wozu ich die Aufnahmen mache; plötzlich drehte sich eine Frau um, die ich davor porträtiert hatte und auf die von mir gestellte Frage antwortete, dass man vielleicht nach einiger Zeit dank dieser Aufnahmen das Leben zu rekonstruieren vermag. Das hat mich sehr bewegt –ich wurde verstanden, ohne etwas erklären zu müssen. Ich glaube fast, dass sich diese Sehnsucht wohl aus einer körperlichen Verbindung mit der Zeit ergibt, jedem ist es sehr wichtig, wo er seine Erinnerungen und Erfahrungen in Bezug auf das eigene Leben gemacht hat.

OSTLOOK: Meinst du, das Erheben zum Wandel würde das Verschwinden dieser Orte bedeuten?

Alexey Kovalev: Die Vergangenheit kehrt glücklicherweise nicht wieder zurück. Jeder Prozess, der die Menschen zu einer Weiterentwicklung durch seine gewaltige Natur führt, muss sich durch die Veränderung behaupten, denn in der heutigen Zeit entsteht ein sehr großer Drang, einem standardisierten Leben zu entgehen und selbst eine persönliche und spezialisierte Erfahrung zu machen. Individuelle Qualitäten möchten verbessert werden und dieser Prozess des Umbaus bzw. der Umstellung kann sehr gut auch auf die früher staatlichen Kommunalken übertragen werden und damit zu einer kompletten Umstrukturierung führen, sodass ihre unveränderte Identität trotz der fortschreitenden Zeit weiterhin nicht mehr in der jetzt existierender Form erhalten bleibt.

OSTLOOK: Wie bist du bei der Vorbereitung deines Konzepts vorgegangen?

Alexey Kovalev: Das alltägliche Leben wird ja in jeder Hinsicht durch unseren persönlichen Wahrnehmungs-filter bestimmt und in dieser Arbeit war es sehr wichtig, diese Kommunikationsstruktur nicht all zu stark mit einem vorherbestimmten Konzept zu beladen und somit einen Raum für die freie Beobachtung zu lassen, also nicht vorher alles streng zu definieren. Ein Konzept lieferte für mich in dem Sinne nur einen Denkanstoß – eine grobe Richtlinie, und es war einfach sehr wichtig, alles Organisatorische in Verbindung mit diesem Thema vorzubereiten.

OSTLOOK: Das analoge Bild lebt und verändert sich weiter. Warum analog?

Alexey Kovalev: Wenn ich im Ausland fotografiere, habe ich manchmal monatelang keine Möglichkeit, meine Ergebnisse zu sehen, das verleiht meiner mentalen Wahrnehmung eine absolut neue Dimension – das fotografische Bild verwandelt sich im Prozess der Entstehung quasi zu einem geistigen Ausdruck und sucht seine extrapolierte Realisierung in realen Lebensbeobachtungen. Das Behalten dieser mentalen innerlichen Spannung ist für mich unheimlich wichtig, denn wenn ich etwas unmittelbar vorher oder direkt fotografiert sehe, fange ich an, es nicht mehr so emotional mitzuerleben, also versuche ich, solange ich an meinen persönlichen Projekten arbeite, nicht mit dem puren Abbild und dem Streben nach einer tiefgehenden mentalen Definition des Realen zu konfrontieren. Andererseits passte das unterbelichtete Diamaterial sehr gut dazu, um eine gewisse Neutralisierung der Farbe zu erreichen, damit diese Farbe gewollt sehr blass und sogar „unbunt“ wirkt und somit den psychologischen Zustand der Spät-80er Jahre der UdSSR unterstützt und nicht zu einer Dominante wird.

OSTLOOK: Was bedeutet Fotografie für dich?

Alexey Kovalev: Diese Frage ist momentan zu komplex, um sie kurz in ein paar Sätzen zusammenfassen zu können.

OSTLOOK: Alexey vielen Dank, Ostlook wünscht dir viel Erfolg bei neuen Projekten!

Comments are closed.